
33 Grad vor Mallorca – Hitze-Rekord? Ja. „Aller Zeiten“? Moment mal.
33,02 Grad Wassertemperatur vor Mallorca. Das klingt beeindruckend, und warm ist es natürlich auch. Aus dieser Zahl wurde diese Woche in einer überregionalen Nachrichtenmeldung gleich: „die höchste jemals gemessene Temperatur in spanischen Gewässern.“ Jemals. Ein schönes Wort. Es klingt ein bisschen nach Christoph Kolumbus, nach dem Beginn der Wetteraufzeichnungen und überhaupt seit Wasser nass ist.
Ich bin ein Deichkind. Bei uns an der Nordsee war das Wasser im Hochsommer 18 Grad, und rein ging man mit einem beherzten Schrei. 33 Grad sind für mein norddeutsches Gemüt eine kleine Sensation — das gebe ich sofort und offen zu. Aber genau bei dem Wort „jemals“ werde ich, wie immer, erst mal hellhörig. Also habe ich die Quellen gelesen. Und die Geschichte dahinter ist ehrlicher — und ein Stück interessanter — als die Schlagzeile.
Zuerst das Ehrliche: Die 33 Grad sind echt, und das Meer wird wärmer
Damit das keiner in den falschen Hals bekommt: Ich rede hier nichts klein. Die 33,02 Grad sind nicht erfunden. Die Messboje vor Sa Dragonera hat den Wert Anfang August registriert, und der Betreiber, Puertos del Estado, führt ihn als neuen Rekord seines Bojennetzes. Und ja, das Mittelmeer wird wärmer — das zeigen die Daten, dazu gleich mehr. Warmes Meer ist auch kein hübsches Detail: Die Hitzewellen 2003 und 2022 haben am Meeresboden ganze Lebensgemeinschaften absterben lassen. Das gehört auf den Tisch, ungeschönt.
Meine Skepsis richtet sich also nicht gegen die Wissenschaft. Sie richtet sich gegen ein einziges Wort. Und gegen die Art, wie aus einem sauberen Messwert durch das Weglassen von drei kleinen Angaben — seit wann, wie genau, wie sicher — eine sehr große Geschichte wird.

Der kleine Haken: „jemals“ beginnt hier im Jahr 2009
Die Messboje vor Sa Dragonera misst die Wassertemperatur erst seit August 2009. Nicht seit 1909. Nicht seit 1850. Seit 2009.
Der bisher offiziell dokumentierte Höchstwert dieser Boje lag bei 31,87 Grad, gemessen am 12. August 2024. Wenn die 33,02 Grad also der neue Spitzenwert sind — keine Diskussion, das sind sie. Nur beginnt diese Messreihe eben 2009. Und damit stehen plötzlich zwei ganz verschiedene Sätze im Raum:
„höchster Wert seit Beginn dieser Messreihe“ — das können Daten belegen.
„höchste jemals gemessene Temperatur in spanischen Gewässern“ — das ist etwas völlig anderes.
Der Betreiber selbst formulierte frühere Rekorde übrigens vorbildlich vorsichtig. Sinngemäß: Rekord des Bojennetzes seit Beginn der Aufzeichnungen, und die Boje sei seit Sommer 2009 in Betrieb. Man sagt, was gemessen wurde. Man sagt, wo. Und man sagt, seit wann. Fertig. Beim Sprung auf „jemals“ würde ich dagegen gern wissen, wo das Thermometer stand, das 1937 vor Formentera gemessen hat. Es stand nämlich nirgends.
„Forschern zufolge…“ — welchen Forschern?
In der Meldung steht dann noch, der menschengemachte Klimawandel sei „der maßgebliche Treiber hinter den hohen Temperaturen.“ Da werde ich neugierig, nicht wütend. Welche Forscher? Welche Untersuchung? Welche Attributionsstudie hat genau diesen Messwert vor Dragonera auseinandergenommen? Im Artikel: nichts dazu. Die Aussage steht einfach da.
Dabei sind das in Wahrheit fünf verschiedene Fragen, die man gern durcheinanderwirft:
Wird das Meer wärmer? Wie groß ist der Trend? Welche natürlichen Schwankungen gibt es? Welchen Anteil haben welche Ursachen? Und: Was genau hat den einen Rekordwert vom August 2026 verursacht?
Aus einem klaren „Ja“ auf Frage eins folgt eben noch lange keine saubere Antwort auf Frage fünf. Genau da rutscht die Schlagzeile.

Wird das Meer um die Balearen wärmer? Ja — und die Zahl ist ehrlicher, als sie tut
Hier gibt es tatsächlich belastbare Daten. Eine 2025 veröffentlichte Studie (Ocean Science) hat einen satellitenbasierten Datensatz für die Balearen-See von 1982 bis 2023 ausgewertet und findet einen statistisch signifikanten Erwärmungstrend von durchschnittlich 0,036 Grad pro Jahr — also rund 0,36 Grad pro Jahrzehnt. Das ist ein Ergebnis, das man ernst nehmen sollte. Punkt.
Und jetzt der Teil, den ich an guter Wissenschaft mag: Die Autoren prüfen selbst, wie sehr ihr Wert von der Rechenmethode abhängt. Je nachdem, wie man Anfang, Ende und Datenaufbereitung wählt, kommen zwischen 0,030 und 0,042 Grad pro Jahr heraus — sie schreiben ausdrücklich, dass allein ein anderes Zeitfenster einen Unterschied von rund 30 Prozent macht. Das heißt nicht, dass der Trend falsch ist. Es heißt: Man sollte die 0,036 nicht behandeln, als hätte jemand sie auf einer Steintafel vom Puig Major heruntergetragen. Eine gute Zahl kommt mit ihrer Unsicherheit im Gepäck.
Es gibt sogar eine zweite, unabhängige Messreihe, die zur Vorsicht mahnt: Zwischen 1996 und 2019 wurde in den Balearen-Kanälen direkt im Wasser gemessen. Ergebnis für die oberen Wasserschichten: eine positive Tendenz, aber statistisch nicht signifikant. Die Autoren nennen selbst die Gründe — starke natürliche Schwankungen, Messungen nur etwa alle drei Monate, Lücken in der Reihe. Wir haben also nicht „alle Messungen sagen exakt dasselbe“, sondern: ein Satellitendatensatz mit klarem Trend, eine direkte Messreihe ohne signifikanten Trend im Oberflächenwasser. Das ist Wissenschaft. Nicht ganz so knackig wie „Klimakatastrophe! 33 Grad! Sintflut!”, aber dafür ehrlich.
Apropos Sintflut
Auch die legt die Meldung noch obendrauf: Im Herbst drohten „heftige Stürme mit sintflutartigem Regen.“ Natürlich kann warmes Meer mehr Wärme und Feuchtigkeit an die Atmosphäre abgeben — das ist Physik. Aber daraus folgt keine Wettervorhersage für den Oktober. Für Starkregen braucht es einiges mehr: die passenden Luftmassen, Instabilität, Höhenkaltluft, eine geeignete Wetterlage. 33 Grad Meerestemperatur heißen deshalb nicht „im Herbst kommt die Sintflut.“ Sie heißen: Wenn alles andere zusammenkommt, steht viel Energie bereit. Kleiner Unterschied in der Formulierung. Großer Unterschied in der Aussage.
Was uns wirklich stören sollte
Nicht, dass über hohe Wassertemperaturen berichtet wird — soll man. Nicht, dass die Erwärmung erforscht wird — unbedingt. Was mich stört, ist das leise Aufblasen: Aus „seit Beginn einer Messreihe“ wird „jemals“. Aus einem Messwert wird eine fertige Welterklärung. Aus einer statistischen Zuordnung wird sprachlich fast eine direkte Ursachenmessung. Und aus warmem Wasser wird vorsorglich schon mal der sintflutartige Herbst. Dabei wäre die eigentliche Geschichte auch ohne diese Zuspitzungen interessant genug.
Was können wir also ehrlich sagen? Bei Dragonera wurden 33,02 Grad gemessen, ein neuer Rekord dieses Bojennetzes. Die Boje misst seit August 2009, der bisherige Höchstwert lag 2024 bei 31,87 Grad. Satellitendaten zeigen für die Balearen-See seit 1982 einen echten Erwärmungstrend, dessen genaue Höhe messbar von der Methode abhängt. Direkte Messungen fanden 1996 bis 2019 im Oberflächenwasser keinen signifikanten Trend. Und welcher Anteil genau dieser 33,02 Grad auf langfristigen Klimawandel, natürliche Schwankung oder die aktuelle Hitzelage entfällt, lässt sich aus der Zahl allein nicht herauslesen. Vor allem aber: Wir haben vor Dragonera keine zweite Boje, die uns erzählt, wie warm das Wasser dort 1926 war.
Deshalb bin ich bei einem Wort vorsichtig: „jemals“. Die bessere Schlagzeile wäre wohl: „33 Grad vor Mallorca — neuer Rekord einer Messreihe seit 2009.” Nicht ganz so spektakulär. Aber ziemlich nah an dem, was wir tatsächlich wissen. Und wenn Wissenschaft eines vertragen sollte, dann genau das: dass man sagt, was man weiß — und genauso deutlich, was man nicht weiß.
Das ist am Ende mein eigentlicher Punkt, der über die Boje hinausgeht. Eine große Zahl in einer großen Schlagzeile ist ein guter Anlass, einmal in Ruhe hinzuschauen, statt sich treiben zu lassen. Das gilt für die Wassertemperatur — und ehrlich gesagt für die meisten großen Fragen rund um Mallorca.
Wenn du gerade selbst spürst, dass Mallorca für dich mehr ist als Urlaub, aber noch nicht genau weißt, wo du damit stehst: Der Sehnsuchts-Check ist ein ruhiger erster Blick darauf — ganz ohne Druck.
Wir sehen uns beim Cortado, auf dem Deich… formerly known as the Mäuerchen.

Quellen
- Rekordwert 33,02 °C an der Boje Sa Dragonera, neuer Rekord des Puertos-del-Estado-Bojennetzes; Vorrekord 31,87 °C am 12.08.2024: Puertos del Estado (Betreiber des Exterior-Bojennetzes); Berichterstattung u. a. Ultima Hora, 06.08.2026.
- Inbetriebnahme der Dragonera-Boje seit Sommer 2009; Beschreibung des Messnetzes und der Sensortiefe (~3 m): Puertos del Estado / Banco de Datos Oceanográfico.
- Erwärmungstrend Balearen-See 1982–2023 (0,036 ± 0,001 °C/Jahr; Sensitivitätsspanne 0,030–0,042 °C/Jahr, „30 % difference“; Erwärmungs-Hotspots NW Mallorca ~0,039 und S Menorca bis 0,041 °C/Jahr): Fernández-Álvarez, Barceló-Llull & Pascual (2025), Ocean Science 21, 1987 ff.
- Direkte hydrographische Messungen in den Balearen-Kanälen 1996–2019, kein statistisch signifikanter Temperaturtrend im Oberflächen-/Atlantikwasser (Gründe: Variabilität, ~3-Monats-Intervall, Datenlücken): Frontiers in Marine Science 8:640535 (2021).
- Massensterben am Meeresboden infolge der Hitzewellen 2003 und 2022 im westlichen Mittelmeer: siehe Ocean Science (2025) und darin zitierte Literatur.