Sturmfluten auf Mallorca? Und ich dachte, das Mäuerchen ist nur ein Mäuerchen und gar kein Deich
„Sturmfluten auf Mallorca — die Insel verliert ihren Strand.“ Solche Schlagzeilen geistern gerade durch die Nachrichten. Auslöser ist eine neue Studie der Balearen-Universität: Der Strand von Arenal könnte in 50 Jahren 30 bis 50 Prozent verlieren, Gründe seien steigender Meeresspiegel und häufigere Sturmfluten.
Sturmfluten? Auf Mallorca?
Mal ganz ehrlich: Ich bin ein Deichkind. Ich habe an der Nordsee so manche Sturmflut erlebt — und überlebt. Eine echte Sturmflut ist gefährlich, sie nimmt Menschen Land und manchmal das Leben. Wenn dann dasselbe Wort über der schönsten Insel der Welt steht, werde ich hellhörig. Nicht panisch — hellhörig. Also habe ich die Quellen gelesen. Und es sind einige.
Erst mal: Sturmflut ist nicht dasselbe wie Meeresspiegel
Ganz falsch ist die Meldung nicht, aber auch nicht ganz richtig. Auch im Mittelmeer drücken Stürme Wasser gegen die Küste. Aber schon das Wort „Sturmflut“ ist die erste Übertreibung. Denn was die Studien eigentlich beschreiben, ist nicht, dass die Stürme selbst schlimmer werden — das zeigen die Daten für die Balearen gerade nicht eindeutig. Sondern dass der Meeresspiegel langsam steigt. Der Sturm beginnt künftig sozusagen eine Etage höher.
Das ist ein Unterschied wie zwischen „das Haus brennt“ und „in fünfzig Jahren könnte die Treppe eine Stufe höher anfangen“. Ein höherer Meeresspiegel in gut 50 Jahren ist keine Sturmflut. Und ein Mäuerchen ist kein Deich.
Was 240 Jahre alte Karten zeigen
Und jetzt kommt der Teil, den ich beim Nachlesen am schönsten fand — und der in keiner Schlagzeile steht. Als Kardinal Despuig 1785 seine berühmte Mallorca-Karte zeichnete, hielt er die Küstenlinie so genau fest, dass Fachleute sie heute über die moderne Karte legen können. Das Ergebnis: Die Abweichungen halten sich in Grenzen. Über rund 240 Jahre ist der Umriss der Insel erstaunlich derselbe geblieben.
Und das ist kein netter Einzelfund. Eine Untersuchung der balearischen Küste für die Jahre 2002 bis 2012 kam zu dem Ergebnis, dass rund 80 Prozent der Strände stabil sind — sie wachsen oder schrumpfen nicht mehr als 50 Zentimeter im Jahr. Ein Fünftel der mallorquinischen Strände zog sich zurück, das stimmt. Aber die große Mehrheit stand einfach still.
Ich sage nicht, dass sich nichts verändert. Ich sage: Die gemessene Wirklichkeit ist viel ruhiger als das Wort „Klimakatastrophe“. Und wenn ich als alter Skeptiker zwischen 240 Jahren beobachteter Küste und einer Modellrechnung für die nächsten 50 wählen soll, dann nehme ich erst mal die Beobachtung ernst.
Und die „30 bis 50 Prozent“ weniger Strand aus der Schlagzeile?
Zurück zu der Zahl aus der Schlagzeile. Sie stammt aus der neuen UIB-Studie.
Aber sei ehrlich mit mir: 30 bis 50 Prozent, in 50 Jahren, ist eine Modellrechnung für ein angenommenes Meeresspiegel-Szenario. Kein Messwert, sondern eine Projektion. Dass der Meeresspiegel steigt, bestreite ich nicht — das ist ernstzunehmende Forschung. Aber zwischen „ein Team modelliert unter bestimmten Annahmen einen deutlichen Rückgang“ und „Mallorca verliert seinen Strand durch Sturmfluten“ liegt genau der Unterschied zwischen Wissenschaft und Schlagzeile. Als Deichkind habe ich nie einfach geglaubt, dass „das Wasser schon nicht so hoch kommt“ — und genauso wenig glaube ich einfach eine runde Prozentzahl, bevor ich die Studie selbst gesehen habe.
Der Strand atmet — er kommt und geht
Es hilft, zu wissen, wie ein Strand überhaupt funktioniert. Er ist kein festgeklebter Teppich. Er atmet. Es gibt hier sogar Strände, die im Lauf des Jahres sichtbar auftauchen und wieder verschwinden: Im Winter trägt das Wasser Sand vom trockenen Strand in den flachen Unterwasserbereich, im Sommer kommt er zurück. Sommerkleid, Winterkleid.
Am Strand von Cala Millor lässt sich das schön nachlesen. Ende der 1960er wurde er fürs Tourismusgeschäft künstlich vergrößert, von 4,4 auf 6,9 Hektar. Und danach? Zog er sich langsam wieder auf sein natürliches Gleichgewicht zurück. Die Natur führt eben ihr eigenes Konto — man kann Sand draufkippen, sie rechnet trotzdem nach.
Dass dabei überhaupt so viel zurückkommt, liegt an zwei stillen Helfern: Dünen speichern Sand und füttern den Strand bei Stürmen nach. Und die braunen Posidonia-Reste, die viele hässlich finden, bremsen die Wellen, sodass sie schwächer und weniger gefräßig ankommen.
Wo der Mensch wirklich mitmischt
Und jetzt kommt der Teil, bei dem ich nicht relativiere, sondern mich selbst schuldig bekenne. Denn wenn Strand verloren geht, dann messbar oft nicht durch die ferne Modell-Zukunft, sondern durch uns, hier und heute.
Eine Studie auf Menorca hat ausgerechnet, dass jeder Badegast im Schnitt 33,64 Gramm Sand mitnimmt — ich runde auf 34. Klingt nach nichts. Aber bei einer Million Strandbesuchen sind das rund 34 Tonnen, und für den Es Trenc hat die Umweltbehörde daraus rund 18 Tonnen pro Sommer geschätzt. Gefühlt habe ich beim letzten Mal deutlich mehr mitgehen lassen — Zeugen sind meine Waschmaschine und meine tauben Ohren nach dem Vortrag meiner besseren Hälfte.
Dazu kommt, was wir gebaut haben: Wo früher Dünen den Strand nachfüttern konnten, stehen heute Promenade, Hotels und Apartments — in Cala Millor liegt genau darauf das alte Dünensystem. Und die gut gemeinte Sauberkeit räumt die Posidonia gleich mit dem Sand weg. Der blank gefegte Strand ist nicht der gesündere. Er sieht nur auf Instagram ordentlicher aus. Aber Instagram ist eben nur Instagram und nicht das wahre Mallorca.
Das ist der ehrliche Teil der Geschichte: Der einzelne Urlauber ist nicht der große Strandräuber. Aber Millionen zusammen sind erstaunlich gründlich — und das ist der Punkt, an dem jeder von uns wirklich etwas tun kann.
Was bleibt
Wenn ich das alles nebeneinanderlege, sieht die Sache viel ruhiger aus als die Schlagzeile: Über Jahrhunderte ist die Küste bemerkenswert konstant. Die einzelnen Strände atmen, wandern, kommen zurück. Ein langsamer, echter Druck aus steigendem Meeresspiegel und menschlicher Nutzung liegt obendrauf — ernst, aber nichts, wovor man in Panik geraten müsste. „Sturmfluten“ und „Klimakatastrophe“ sind für das, was da wirklich passiert, ein paar Nummern zu groß.
Und das ist am Ende mein eigentlicher Punkt, der über den Strand hinausgeht: Eine Angst-Schlagzeile ist ein guter Anlass, einmal in Ruhe hinzuschauen, statt sich treiben zu lassen. Das gilt für den Strand — und ehrlich gesagt für die meisten großen Fragen rund um Mallorca.
Wenn du gerade selbst spürst, dass Mallorca für dich mehr ist als Urlaub, aber noch nicht genau weißt, wo du damit stehst: Der Sehnsuchts-Check ist ein ruhiger erster Blick darauf — ganz ohne Druck.
Und wenn du das nächste Mal den Strand verlässt, klopf wenigstens das Handtuch aus. Am Strand. Nicht erst zu Hause. Mallorca braucht seinen Sand noch.
Wir sehen uns beim Cortado, auf dem Deich… formerly known as the Mäuerchen.
Quellen (Auszug)
- Bericht über eine neue Studie der Universitat de les Illes Balears (UIB) zum Strand von Arenal (u. a. Das Inselradio Mallorca, 03.08.2026).
- Historische Küstenlinie (Despuig 1785, Landaeta 1736): W. F. Bär & V. M. Rosselló i Verger, Els mapes murals de Mallorca (Edicions UIB, 2023); vorgestellt in Mallorca Zeitung 1.236, 11.01.2024.
- 80 % der Balearen-Strände stabil (2002–2012, ±50 cm/Jahr): Gómez-Pujol, L. et al., Beach Systems of the Balearic Islands: Nature, Distribution and Processes, in: The Spanish Coastal Systems (Springer, 2018).
- Cala Millor (Vergrößerung 4,4 → 6,9 ha in den 1960ern, Rückkehr ins Gleichgewicht; Sommer-/Winterprofil): Ten years of morphodynamic data at a micro-tidal urban beach: Cala Millor (Western Mediterranean Sea) (Scientific Data, 2023); ergänzend Morales-Márquez, V. et al. (2018), NHESS 18, 3211–3226.
- Sand pro Badegast (33,64 g): Roig-Munar, F. X. (2007), Microerosión inducida por los usuarios de las playas: el caso de Menorca, Investigaciones Geográficas 43, 161–167. — 18 t/Sommer Es Trenc: Ultima Hora, 12.05.2018.
- Meeresspiegel als Treiber, Playa-de-Palma-Modelle: Enríquez, A. R. et al. (2017), Changes in beach shoreline due to sea level rise and changes in wave climate, NHESS.
- Posidonia-Schutzfunktion / Erosion durch mechanische Reinigung: Studien der Universitat de les Illes Balears (UIB).